1st January, 2011
Das erste Mal, das ich nach Porto kam, kannte ich die Stadt überhaupt noch nicht.
Wegen ihrer geographischen Abgelegenheit (aus mitteleuropäischer Sicht) war ich eher skeptisch und dann umso überraschter, als ich in fast allem zwei klar geschiedene Seiten, ja Extreme entdeckte: die Stadt am Meer und die Stadt am Fluß, die hohen Erhebungen mit den Kathedralen und der tief sich ins Tal einschneidende Douro, traditionelle Elemente in Kultur und Architektur und extreme Modernität, ausgeprägt portugiesische Eigenarten und ein starker internationaler Einfluß, Porto und Gaia, die Altstadt und die Casa da Musica.
Noch überraschter war ich von der Ausdauer und Hartnäckigkeit, mit der ein harter Kern von Kultur- und Musikenthusiasten das Projekt Casa da Musica betrieben hatte – gegen Unmengen von Kritikern und Widrigkeiten. Soweit betrieben hatte, dass sie auf einmal dastand: Casa da Musica, live und jeden Tag stärker eine Ikone des modernen Porto. Unglaublich.
Doch den größten Eindruck hinterließ die fast extravagante und vielfarbige Programmgestaltung, mit der die Casa mit Leben gefüllt wird. In einer Art, von der andere Städte nur träumen können. Gerade in einem Umfeld, wo Ticketverkäufe mehr und mehr die Programmgestaltung diktieren respektive die Programme auf eine extrem konservative Klientel abgestimmt sein wollen. In Porto gibt es ein relativ junges Publikum, mehr und mehr Leute werden neugierig und kommen oft auch in solche Konzerte, die sich in London oder selbst Wien ganz schlecht verkaufen würden. Das ist natürlich Luxus und eröffnet die Möglichkeit, auch wirklich gewagte Projekte wie das Xenakis-Programm im Parkhaus oder Riehms „Das Lesen der Schrift“ zwischen den einzelnen Sätzen des Brahms Requiems in Angriff zu nehmen. Dann gibt es noch regelmäßig „Clubbing“, eine Art Mega-Disco, wenn unzählige Teenager alle Ecken der Casa da Musica bevölkern, was ich noch in gar keinem Konzertsaal je gesehen habe.
Ich bin sehr dankbar, seit 2009 ein Teil davon zu sein. Es ist besonders befriedigend, dass ich hier vielleicht mehr als an Orten, wo Strukturen vielfach über Jahrhunderte gewachsen sind, meinen Beitrag dazu leisten kann, dass sich das Sinfonie-Orchester entwickelt und sich mehr und mehr bemerkbar macht im Konzert der Europäischen Orchester.
Christoph Koenig